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Tian Gong-Pilgereise Jakobsweg Spanien

Der Jakobsweg wurde 1993 in das Weltkulturerbe aufgenommen und ist der am meisten begangene Pilgerweg der Erde. Wir entschieden uns dafür, das letzte Teilstück in Galicien von O’Cebreiro nach Santiago de Compostela zu gehen. Es war eine ganz neue Herausforderung für ein Qigong-Retreat, da wir sonst mit unseren Gruppen immer an einem festen Ort waren. Wie würde das Pilgern mit den Qigong-Übungen zusammenpassen? Auch konnten wir die Teilnehmer physisch nicht einschätzen. Würden sie durchhalten?

Voller Neugier starteten wir im Juni 2015 mit einer Gruppe von dreißig Qigong-Enthusiasten in unser Abenteuer. Wir hatten uns für jeden der sieben Wandertage eine Pilgerstrecke von 20 bis 29 km vorgenommen, um die Distanz von insgesamt 167 km unter Berücksichtigung der Geländebedingungen möglichst gleichmäßig aufzuteilen. Die Jakobsmuschel, das Symbol des Jakobweges, ist in großer Vielfalt auf der Route allgegenwärtig und begleitete unseren Weg genauso wie die überall am
Wegesrand aufgestellten Kilometer-Steine, die die zurückgelegte Strecke markieren und uns zum weiteren Durchhalten motivierten.

Wir begannen unseren Weg in O’Cebreiro, einem romantischen alten Bergdorf auf 1.300 m Höhe. Die Kirche dieses Ortes ist berühmt wegen eines Blutwunders, demzufolge sich der Wein im Kelch während einer Sonntagsmesse in das Blut Christi verwandelt haben soll.


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Nach einer morgendlichen Besprechung über den Verlauf und die Stationen des Tages gingen alle Teilnehmer erst einmal eine Stunde auf dem Weg. Wir suchten dann gemeinsam nach einem geeigneten Ort für unsere Qigong-Übungen. Jeden Vormittag praktizierten wir das Bronzeglocken-Qigong und meditierten unter freiem Himmel. Danach pilgerten die Teilnehmer in ihrem eigenen Tempo („jeder geht seinen eigenen Weg“) bis zum Zielort des jeweiligen Tages. In den Unterkünften gab es meistens Räume, die wir am Abend für unseren Erfahrungsaustausch, zum Meditieren und für unsere Qigong-Übungen nutzen konnten.

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So ist der Pfad für jeden einzelnen Pilger mal einsam und schweigend. Dann und wann trifft man sich wieder in kleinen Gruppen, geht ein Stück gemeinsam, lernt neue Menschen kennen, tauscht seine Erfahrungen und Erlebnisse aus oder kehrt in eines der vielen auf der Strecke gelegenen Gartencafés ein. Es gibt viele kleine Quellen und Brunnen unterwegs, an denen man seine Wasserflasche auffüllen kann. Das abwechslungsreiche Gelände führt bergauf über sanfte Hügel, durch schattige Alleen, weite Felder und bergab in anmutige Täler. Der Pilgerweg ist auch ein Symbol für unseren Lebensweg.

Obwohl der Jakobsweg der beliebteste und am häufigste begangene Pilgerweg der Welt ist, so ist der trotzdem auch sehr beschaulich und meditativ. Der ganze Weg hat eine besondere Ausstrahlung und Atmosphäre, eine geradezu mystische Schwingung liegt in der Luft. Es ist ein Weg der Begegnung - mit anderen und mit sich selbst. Es war für uns ein tiefes Eintauchen in einen Rhythmus von Gehen, Meditation und der Praxis des Qigong.
 

Wir hatten großes Glück mit dem Wetter, die ganze Woche über schien die Sonne bei sehr angenehmen Temperaturen. Die Natur ist von überwältigender Schönheit, voller wunderbarer Düfte und strömt eine Energie aus, die das Herz beruhigt und den Geist klar werden lässt. Wir haben diese Kraft der Natur sehr intensiv erlebt. Besonders bei den Qigong-Übungen saugte der Körper die positiven Energien wie ein Schwamm in sich auf. Auch für Menschen, die sich nicht mit Spiritualität beschäftigen, sind die Erhabenheit der Pilgererfahrung und die Symbolkraft dieses Weges deutlich spürbar.

Viele auf dem Weg liegende Kirchen und Kapellen laden den Wanderer zum Besuch ein. In der kleinen Kapelle von Sarria  hatten wir ein ganz besonders ergreifendes Erlebnis. Von einem wirklich uralten Priester wurde gerade ein kleiner Gottesdienst für einige alte spanische Mütterchen abgehalten. Der Priester hat uns nach vorne zu sich gewinkt und mit einer wunderbar ergreifenden Stimme ein altes spanisches Pilger-Segnungslied für uns gesungen – es war wunderschön und sehr berührend!

Ein anderes Mal trafen wir auf eine Gruppe von jungen Aussteigern, die dabei waren, ein Zentrum für Heilbehandlungen, Meditationen und auch Übernachtungen aufzubauen. Wir haben diese Begegnung mit einer kraftvollen gemeinsamen Meditation zelebriert.

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Den Jakobsweg zu gehen ist eine Reduzierung des Daseins auf das Wesentliche, aller Ballast fällt von uns ab. Man braucht so wenig, um zufrieden zu sein und trotz der Strapazen waren alle fröhlich, glücklich, müde und dankbar. Einer der Teilnehmer musste am zweiten Tag ein Taxi nehmen, weil seine Blasen so schmerzhaft waren. Andere sind trotz der Schmerzen gegangen, das gehört zum Überwinden von Widrigkeiten und stärkt die Willenskraft. Am Abend nach den Qigong-Übungen und der Meditation mit Energieübertragung schaute dann jeder voller Zufriedenheit auf das vollbrachte Tagwerk zurück. Wir freuten uns auf das gemeinsame vegetarische Abendessen, die Dusche und das Bett.
 

Ein großer Ansporn auf dem Weg ist das Stempel-Sammeln für den Pilgerpass. In jedem Ort gibt es eine Stempelstation zu diesem Zweck. Die Stempel sind sehr schön gestaltet und eine kleine Erinnerung an die Orte, die wir durchwandert haben. Jeder Pilger, der mindestens 100 km bis zum Grab des Apostels Jakobus zu Fuß geht, bekommt in Santiago beim Vorzeigen seines Pilgerpasses die Compostela, so heißt die Pilgerurkunde, überreicht. Die Urkunde ist eine antik anmutende Papierrolle, in welcher der jeweilige Name des Pilgers in Latein geschrieben steht.

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In der Kathedrale von Santiago de Compostela nahmen wir an einem ganz besonderen Pilgergottesdienst teil und wurden Zeuge des spektakulären Schwenkens des Botafumeiro. Der Botafumeiro ist ein riesiger Weihrauchkessel, der seit dem Mittelalter als Reinigungsinstrument eingesetzt wird und bei den Anwesenden stets große Bewunderung auslöst. Um den Botafumeiro in Bewegung zu bringen, sind acht Männer, die sogenannten Tiraboleiros erforderlich, die ihn gefüllt mit Weihrauch und Kohle aus der Bibliothek herbeibringen. Die Tiraboleiros ziehen den gewaltig rauchenden Kessel mit Kraft und Präzision an einem Seil so nach oben, dass eine riesige Pendelbewegung mit einer Geschwindigkeit von 68 km/h entsteht. Der Weihrauchkessel beschreibt einen 65 m breiten Bogen und bildet einen Winkel von 82 Grad zur Senkrechten an seinem höchsten Punkt. Mit einem Spaziergang zu weiteren Sehenswürdigkeiten in Santiago ging unsere Pilgerreise zu Ende.

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Unser erstes Pilger-Qigong-Retreat war ein voller Erfolg und unsere Erwartungen wurden in jeder Hinsicht übertroffen. Das Praktizieren von Qigong lässt sich auch in einer größeren Gruppe sehr gut mit dem Pilgern vereinbaren. Die Teilnehmer waren durchweg begeistert von dem stärkenden und ganzheitlichen Effekt dieser Kombination und empfanden das Retreat als große Bereicherung.

Aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen haben wir uns entschlossen, auch in diesem Jahr wieder eine Qigong-Pilgerreise zu unternehmen. Wir werden vom 11. bis 18. September auf dem Franziskusweg durch einen der schönsten Landstriche Umbriens (Italien) von Pietralunga nach Assisi pilgern und in freier, ursprünglicher Natur Qigong praktizieren.